Permanente Vorläufigkeit:
der Zustand, der bleibt
Wissen, Technologie, Gesellschaft, Politik, Kultur: Das Umfeld verändert sich laufend, nachweislich immer schneller und wird immer komplexer. Organisationen, die sich nicht mitverändern, verlieren den Anschluss. Dann das Vertrauen. Dann die Attraktivität und schliesslich die guten Mitarbeitenden. Die wichtigsten Rahmenbedingungen im Überblick. Alle führen zur selben Folgerung.
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Das Wissen der Welt verdoppelt sich in immer kürzeren Abständen, die Vernetzung wächst noch schneller. Was dabei entsteht, ist kein grösseres Kompliziert. Kompliziertes beherrscht man mit Wissen, wie eine Maschine: verstehen, steuern, reparieren. Komplexes verhält sich wie ein Organismus: nicht vorhersehbar, nur laufend korrigierbar.
Wer eine Organisation wie eine Maschine plant, plant an ihrem Wesen vorbei. Die bewährten Instrumente, Linearität, Hierarchie, Silos, Wenn-dann-Regeln, versagen im Komplexen nicht aus Nachlässigkeit. Sie versagen per Definition: Sie setzen Vorhersehbarkeit voraus, wo keine ist.
Komplexität lässt sich nicht vereinfachen, nicht zerlegen, nicht wegorganisieren. Sie lässt sich nur akzeptieren. Und dann braucht es einen Umgang, der ihr gewachsen ist.
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Beschleunigung ist keine gefühlte Grösse, sie ist messbar: Rechenleistung, Datenmengen, Wissensbestände wachsen in Verdopplungsschritten. Exponentielle Entwicklung wirkt lange harmlos und kippt dann ins Überwältigende.
Unser lineares Denken unterschätzt sie systematisch: Wir planen die Zukunft als Fortschreibung der Vergangenheit. Organisationen verschärfen das noch, mit Jahresbudgets, Legislaturen, Entscheidungsschlaufen, Zwischenberichten. Oft zu langsam für ein Umfeld in diesem Takt.
Selbst wer sauber plant, plant auf einen Zielzustand, der sich unterdessen weiterentwickelt. Genau das heisst permanente Vorläufigkeit: Es gibt kein Ankommen mehr, nur Zwischenstände.
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In der Technologie verdichten sich die beiden ersten Beobachtungen: Die Zyklen werden kürzer, die Vernetzung dichter, jede Welle greift tiefer in Arbeit, Kompetenzen und Organisation ein. Wer Schritt halten will, muss stark abstrahieren, am Ball bleiben, laufend überdenken, anpassen, weiterentwickeln.
Im Kern geht es dabei gar nicht um die Technologie. Es geht um das, was sie ermöglicht: neue Leistungen, neue Zugänge, neue Arbeitsweisen. Technologie ist ein Enabler. Einer, der sich rasend schnell weiterentwickelt, und mit ihm alles, was möglich und bald erwartet wird.
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Kopernikus nahm dem Menschen die Mitte des Weltalls, Darwin die Sonderstellung in der Natur, Freud die Herrschaft im eigenen Kopf. Künstliche Intelligenz ist die vierte Kränkung: Denken ist kein Monopol mehr. Vielleicht unterschätzen wir ihre Möglichkeiten deshalb so beharrlich, die heutigen und erst recht die künftigen.
Die Kränkung zeigt sich am Massstab: KI wird absolut gemessen (ist sie sicher, ist sie fehlerfrei?) statt relativ (macht sie es besser als wir heute?). Dass Menschen mehr Fehler machen und weniger berechenbar sind, wird stillschweigend hingenommen.
So verbringen Organisationen ihre Kraft mit Prüfen statt mit Gestalten. Dabei liegt das Potenzial nicht im schnelleren Bestehenden, sondern in dem, was neu möglich wird.
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Menschen erleben täglich, wie einfach Dienstleistungen sein können, und vergleichen damit auch den Staat. Nicht mit dem Amt nebenan, sondern mit Google und Apple. Verwaltungen dagegen beurteilen ihre Leistung von innen: Das Gesuch wurde innert gesetzlicher Frist erledigt, also war die Dienstleistung gut. Von aussen sieht dasselbe ganz anders aus. Woher erfahre ich überhaupt, dass es diese Möglichkeit gibt? Warum muss ich Unterlagen beilegen, die andere Ämter längst haben? Warum dauert der Bescheid Wochen?
Hier wird das System optimiert, das man kennt, statt die Erfahrung der Menschen, die es benutzen müssen. Diese Innensicht ist erstaunlich hartnäckig. Die Messlatte aber hängt draussen. Und sie steigt.
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Immer mehr Regeln, Standards und Vorgaben: im Einzelnen gut begründet, in der Summe eine selbstgebaute Unbeweglichkeit. Der Nachschub kommt oft von innen, aber nicht nur. Der Staat soll alles Unangenehme regeln und jedes Risiko absichern, bestellt wie beim Lieferdienst. Die Eigenverantwortung sinkt, das Regelwerk wächst.
Der Soziologe Hartmut Rosa unterscheidet Handeln und Vollziehen: Handeln braucht Urteilskraft und Spielraum, Vollziehen arbeitet Vorgaben ab. Je dichter die Vorgaben, desto weniger bleibt zu gestalten. Wer nur noch vollzieht, verlernt das Handeln.
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Wirtschaft und Verwaltung folgen entgegengesetzten Grundregeln. Ein Unternehmen darf alles, was nicht verboten ist; eine Verwaltung nur, was ihr Auftrag vorschreibt. Ein Unternehmen wählt seine Kundschaft; der Staat ist für alle da. Dafür hat er das Monopol. Was damit fehlt, ist das Korrektiv des Marktes.
Ein Unternehmen, das dauerhaft nur wenige Prozent teurer ist als die Konkurrenz, hat existenzielle Probleme; ich weiss das aus fast zwei Jahrzehnten als Unternehmer. Eine Verwaltung spürt nichts davon. Wird sie zu langsam, zu teuer, zu weit weg von den Erwartungen, bleibt das Signal aus.
Das ist kein böser Wille. Es fehlt schlicht der Schmerz, der anderswo Anpassung erzwingt. Deshalb entsteht Wandel in der Verwaltung nicht von selbst. Man muss ihn bewusst organisieren.
“In Zeiten drastischen Wandels erben die Lernenden die Zukunft.
Die Gelernten finden sich in einer Welt wieder, die es nicht mehr gibt.”
Eric Hoffer
Von der Transformation zur Transformationsfähigkeit
Niemand weiss, welche Veränderung als Nächstes kommt. Nur, dass sie kommt. Die Zukunft lässt sich nicht aus dem Ist ableiten, aber man kann sich systematisch mit ihren Möglichkeiten auseinandersetzen, bevor sie eintreten. Wer in permanenter Vorläufigkeit arbeitet, braucht keine endgültigen Pläne, sondern die Fähigkeit, sich immer wieder anzupassen. Deshalb braucht es nicht die nächste Transformation, sondern Transformationsfähigkeit: die dauerhafte Fähigkeit einer Organisation, sich zu wandeln. Zukunftsfähigkeit ist das Ziel. Transformationsfähigkeit ist der Weg dorthin.
Transformationen begleite ich. Transformationsfähigkeit baue ich.